Mentals -               die japanische Art des Lernens ( the way of zen )

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Am Anfang der Betrachtung möchte ich kurz ein Erlebnis aus meiner Kindheit erzählen. Ich lebte damals noch mit meinem Vater auf Okinawa. Er war Berufssoldat bei der U.S. Army, ich besuchte tagsüber die Grundschule auf der Militärbasis und am späten Nachmittag ging ich ins Dorf um in einem Dojo zu trainieren. Als wir den Tai Otoshi ( einen Körperwurf ) trainierten ließ uns unser Sensei, nachdem er den Wurf gezeigt hatte endlos den Wurf trainieren - scheinbar ohne uns anschließend  überhaupt beim Training zu beachten. Immer wieder zwischendurch ohne erkennbaren Grund - ließ er uns andere Übungen machen, bis wir uns "fast auf dem Zahnfleisch" bewegten und dann liess er uns wieder mit der Übung des Wurfes fortfahren. Erst nach etwa drei Stunden begann er bei einzelnen Schülern diese bei der Übung zu korrigieren. Ich hatte damals noch - als einer der "Kleinsten" im zarten Alter von etwa acht Jahren und als "Geijin"noch das "Privileg" ungestraft dumme Fragen stellen zu dürfen. Als ich also fragte, weshalb er so lange gewartet habe, bis er uns zeigte wie der Wurf richtig ausgeführt werden würde, antwortete er knapp:" in den ersten zwei Stunden konntet ihr noch gar nicht lernen, wie der Wurf ausgeführt wird - ihr hattet zu viel Kraft und habt versucht den Wurf mit Kraft auszuführen. Jetzt seid ihr zu müde um den Wurf mit Kraft auszuführen. Ihr fangt also jetzt erst an den Wurf richtig zu machen - mit Technik. Damit Du dies richtig verstehst, wirst Du jetzt nochmals die Krüge um das Dojo zu tragen, denn wenn Du fragen kannst, hast Du noch zuviel Kraft...."
Danach habe ich nie wieder eine so dumme Frage gestellt.... sondern ich habe versucht die Antworten selbst zu finden. Diese hier gezeigte Haltung ist überaus typisch für japanisches Training. 

Sie hat nicht sehr viel mit dem Lernen nach dem Prinzip "learning by doing" zu tun. Ganz im Gegenteil. "Learning by doing" geht nicht so weit. Bei "learning by doing" liegt der Schwerpunkt in dem Erwerb praktischer Fähigkeiten durch die Übung der Tätigkeit. Aber ",learning by doing" hat nicht zum Ziel sich das Wesen einer Tätigkeit zu erschließen. Hier geht die japanische Form des Trainings weiter - viel weiter.... in Japan schleift man das Holz nicht bis man eine bestimmte Form erreicht hat, sondern bis man selbst zum Holz wird und man das Wesen des Holzes erfasst hat. 


Wer andere Abschnitte hier gelesen hat, hat einiges über ZEN gelesen. ZEN hat im Lernen sehr viel damit zu tun, dass man lernt sich sparsam und knapp zu bewegen mit dem Ziel die größtmögliche Wirkung zu erzielen und in allem "Tun" eine "lineare Klarheit" zu erreichen. Verschwendung und Unnützes soll vermieden werden. Dabei muss der Blick für das Detail geschärft werden und der Ablauf soweit perfektioniert werden, bis man nicht mehr bewusst über die Tätigkeit nachdenkt, sondern die Tätigkeit intuitiv ausübt. Die japanische "Art" des "learning by doing" geht also weit über die europäische Art dieser Übungsweise hinaus. Da den Europäern die Sicht aus dem ZEN heraus fehlt, versucht der Europäer nicht das "Wesen" des "Tuns" zu erfassen / ergründen. 

Lange Zeit frönte Europäer und Amerikaner dem Vorurteil Japaner würden alles nur "nachmachen". Die beschränkte Sicht beider und deren beschränkte Beobachtung erklären, weshalb man aus ihrer jeweiligen mangelhaften Wahrnehmung heraus zu diesem Vorurteil kam. Tatsächlich lag man nirgendwo so daneben mit seinem Vorurteil.  Es bestätigt erneut, dass man nicht von sich selbst auf andere schließen darf. Nur Japaner haben einen solch präzisen Blick für jedes einzelne Detail bei der Ausführung einer Tätigkeit und kein Europäer würde so im Detail jede Kleinigkeit hinterfragen und sich die Frage stellen, was denn eigentlich das Wesentlich in dieser Tätigkeit ist und worin das "Wesen" dieses "Tuns" besteht. 

Nur der Japaner wird dann bestrebt sein nach und nach jedes unwesentliche radikal zu eliminieren und so zum Kern des "Tuns" vorzudringen und sich zu Eigen zu machen. Sehr schnell wird der Japaner anfangen das "Tun" zu vereinfachen und zu verkürzen um mit sparsamsten Bewegungen die Tätigkeit so effizient wie möglich zu verrichten. Diese wenige wird er aber mit der ihm höchst möglichen Präzision tun.

Die selbe komplexe Betrachtung ist bei der Art der Wissensübermittlung sinnvoll. Wenn ein Japaner sagt, man müsse einen Vorgangüben, dann meint er weitaus mehr als nur ein stupides Nachmachen. Der Lehrer erwartet, dass man sich 2inhaltlich" mit dem auseinandersetzt was man tut und versucht den Kern dessen was man tut zu erfassen.  Dieser Zugang fehlt den meisten Europäern, wenn diese hier jahrelang Kampfsport betrieben haben und dann nach Japan gehen um ihr Können auf ein höheres Level zu bringen. Sie begreifen nicht, dass ihr technisches Können eigentlich nur "handwerklich" ist und dass sie noch gar nicht sich "inhaltlich" mit ihren Techniken auseinander gesetzt haben. Der Sensei sieht aber bereits schon bei der Ausführung der ersten Technik, dass der Schüler noch gar nicht den inhaltlichen Zugang zur Technik besitzt.


Die Textbeiträge dieser Seiten sind noch in Bearbeitung !
© Harro Walsh