Mentals  -  die Kunst der Kaligraphie

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Zwischen der japanischen Form der Kalligraphie und der europäischen Variante bestehen erhebliche Unterschiede. Wenn man bei der europäischen Form ( besonders in historischen Handschriften ) der Kalligraphie versuchte sie Handschrift verschwenderisch und üppig zu gestalten ( man denke hierbei besonders an die sogenannten Kapitälchen - also die besonders groß gemalten ersten Buchstaben eines neuen Kapitel oder Verses ) so folgt die japanische Form dem Leitgedanken des radikalen "Minimalismus".

Einer der weiteren wesentlichen Unterschiede hat ihre Ursache im Schriftbild selbst. Während in den europäischen Sprachen die lateinische und altdeutsche Schrift sich aus einzelnen Buchstaben ( für Sprachlaute ) zusammen setzt und erst in der Gesamtheit einer "Gruppe" das Wort bildet, dessen Bedeutung repräsentiert wird, setzt sich das japanische Schriftbild aus einer Art "Silbenzeichenshrift" zusammen, bei der eine oder mehrere Silben ein Wort bilden.

Bei der Betrachtung der europäischen Form der Kalligraphie sollte man sich ständig die Art der Entstehung und Entwicklung vor Augen halten, damit das kalligraphische Werk entsprechend eingeordnet und gewürdigt werden kann. Bis zur Erfindung der Druckerpresse durch Johannes Guttenberg war der Besitz von Büchern in Europa das Privileg der Reichen und herrschenden Klassen. In den Jahrhunderten davor war das Wissen in den Klöstern gehortet worden und das arbeitende Volk wurde mit Vorsatz in Unwissenheit und Aberglauben gehalten. Bücher wurden in bestimmten Klöstern in denen die Bibliotheken "gebunkert" worden waren mit der Hand abgeschrieben und kopiert. Diese Handarbeit war damals die einzige Methode der Vervielfältigung. Die Kirche übte eine Zensur aus - und bestimmte Bücher wurden einfach nach dem "Gusto" der Kirche als Ketzerwerke auf den "Index" gesetzt. Wenn ein Buch auf den "Index" gesetzt wurde, war dies gleichbedeutend mit einer Art "Todesurteil". Entweder verschwand ein derartiges Buch unwiderruflich in der Geheimbibliothek des Vatikan, oder es wurde gleich verbrannt.
Nicht selten wurden Bücher mit wissenschaftlichen Inhalt auf den "Index" gesetzt, weil die Kirche immer Angst vor wissenschaftlicher Analyse und Sicht der Dinge da Unwissenheit eine "Voraussetzung" für Glauben ist. Was ich "weiß", muss ich nicht "glauben"...  Dass die Kirche sich damit auf eine geradezu lächerliche Position begab, ist zwar bezeichnend - aber die Kirche hat bis heute nicht wirklich von dieser Zensur abgelassen. Weder wurden die geheimen Bibliotheken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, noch wurde der "Index" abgeschafft. Er existiert auch heute noch und auch heute können Bücher noch wegen "Ketzerei" auf dem Index landen.... Mit Toleranz und Respekt gegenüber anderen hat das nicht sonderlich viel zu tun, allerdings reichte die Toleranz des Vatikans schon im Mittelalter nicht sonderlich weit ( dieser Abschnitt hätte schon gereicht um als Ketzer exkommuniziert zu werden ) und auch heute haben sich diese grenzen der Toleranz nicht wirklich wesentlich verschoben. Bei derart engen Grenzen ist das Wort Intoleranz eher angebracht... und selbst darüber würden die Jesuiten noch eine hoch intellektuelle Diskussion anzetteln.


Aber hier bin ich vom Thema abgeschweift, weil diese Fakten mit zur geschichtlichen Entwicklung gehören und das genaue Verständnis der historischen Gegebenheiten manchmal schwer fällt, wenn man nicht die Hintergründe des Handelns aufzeigt....
Aber nun zum Thema zurück: Die Kapitälchen in den Handschriften ( also der erste große Buchstabe eines jeden Abschnittes ) wurden besonders groß und im Detail reichhaltig ausgeschmückt niedergezeichnet. Im Regelfall wurde in diesen Kaligraphien der eigentliche Buchstabe selbst in karmesinroter Farbe ausgemalt und die verzierenden Ausschmückungen hielt man in einer gedeckten Hintergrundfarbe ( gedecktes Grün, Braun, Blau oder Schwarz ). Der Buchstabe sollte immer noch - trotz des Schmuckes - aus dem "Beiwerk" heraus abheben, damit die Lesbarkeit des Textes nicht leidet. Diese reichhaltigen Ausschmückungen sollten auch immer eine Zäsur an den Reichtum und die Macht der "Bücherbesitzer" sein. Kunst war über Jahrhunderte nur die Kunst der Reichen und Mächtigen, die als "Mäzene" den Künstlern Unterhalt ( meist als Apanage gewährt ) zahlten. Die Künstler hüteten sich davor die Hand, die Sie fütterte zu beißen. Kritische Kunst fand wenn überhaupt, nur versteckt oder im Mantel der Ironie statt.  Es gab nur sehr sehr selten Ausnahmen, z. B. durch Francesco de Goya, der in Spanien lange von der Inquisition verfolgt wurde wegen seiner Zeichnungen, die sich mit beißender Klarheit mit der Inquisition und den damit befassten Personen beschäftigte.


Nun aber zu der japanischen Form der Kaligraphie: Viele der einsilbigen Schriftzeichen haben eine einfache Bedeutung.
Als Beispiel Gawa ( für Fluss ) 川. Das Zeichen stellt im Symbol quasi den Fluss als Strich zwischen den beiden begrenzenden Ufern dar. In der japanischen Kaligraphie wurden die Ufer weniger stark gezogen werden und der mittlere Strich würde weich und sehr kraftvoll mit dem Pinsel gezogen werden um die Intention der Kraft des Wassers bevor zuheben. Das Ziel in der japanischen Kaligraphie ist immer die radikale Reduktion auf Wesentliches und das weglassen von Unwesentlichem oder Nebensächlichem. Ausschmückung würde als Nutzlos und Unwesentlich nicht in Betracht kommen. Es wäre die Intention des Kaligraphen die unmittelbar im Augenblick des Schreibens "gespürte Kraft des Wassers" ( als ob man quasi mitten im Fluss stände - und das Wasser zieht einem gleich die Füße weg ... ) zu Papier zu bringen. Die Striche des Ufers würden gerade eben so stark gezogen werden, dass ihre Beständigkeit als Begrenzung - als Rettung vor der macht des Flusses - Bestand hätten. Es geht also in der japanischen Kaligraphie darum, in der Meditation das Wesen einer Sache zu ergründen, um dann ohne Schnörkel und Verzug dieses Wesen der Sache in das Zeichen auf dem Shoji ( Reispapier ) "zu bannen" - sich dabei nur auf das Allerwichtigste in seiner radikalsten Einfachheit zu beschränken.

Dieser Textbeitrag wird  zu gegebener Zeit noch fortgesetzt und mit beispielhaften Bildern ergänzt.
© Harro Walsh