Mentals - ZEN    Aspekt zum besseren Verständnis von Zen und der Ursprünge von ZEN

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Ein weiterer Faktor, der ebenfalls in der geografischen Lage begründet war, lag und liegt im Fakt der Nähe zu verschiedenen äußerst aktiven geothermischen Falten. Japan gehört genauso wie auf der anderen Seite des Pazifiks in den USA Californien zu den "aktivsten" Bereichen der Erdkruste. Kleinere Erdbeben gehören zur "Tagesordnung" und größere Beben erfolgen regelmäßig mehrmals im Jahr. Dies hatte über die Jahrhunderte permanente Auswirkungen auf die Architektur und unterbewusst auch auf die japanische "Volksseele". Die Ohnmacht gegenüber den Beben und deren Auswirkungen und die regelmäßige Konfrontation mit Verletzungen und dem Tod, als Folge der Beben, führte fast zwangsläufig zu einer Art von Fatalität.
Um als Europäer das Wesen von Zen zu begreifen, dürfte es erforderlich sein, sich zuerst einmal mit der geschichtlichen Entwicklung in Japan auseinander zu setzten. Die geschichtlichen Entwicklungen sind zunächst einmal eng mit der geografischen Struktur verknüpft. Durch die Begrenzung auf die vier großen Inseln, Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyuschu. Die Insel Okinawa ist ein "Sonderfall", da diese Insel im Laufe seiner wechselvollen Vergangenheit mehrfach im "Besitz" zwischen Japan und China wechselte, bzw. von beiden Ländern mit Besatzungstruppen "besetzt" wurde. Durch die geografische Lage gefördert, gab es über die Jahrhunderte immer wieder Tendenzen in der politischen Entwicklung sich vom Rest der Welt zu isolieren, weil immer wieder der Einfluss fremder Völker negativ bewertet wurde. Zwar gab es immer wieder - abhängig von der Einstellung des jeweiligen Tenno´s ( japanichen Kaisers ) kurze Phasen der Öffnung zu anderen Völkern, aber bis zum ersten Weltkrieg überwog immer eher eine Haltung der Isolation.
Eine ebenfalls wichtige Grundlage für die Entstehung des ZEN war das "Kastensystem" als soziologische Basis. Die Samurai als staatstragende Exekutive auf lokaler und überregionaler Ebene, die alle Verfügungen der feudalen Regierung vor Ort umsetzte, erhob schon sehr frühzeitig das Prinzip der Loyalität, des Dienstes gegenüber dem gewählten Herren zu einem idealistischen Prinzip. Allerdings war die "Verpflichtung" immer auch gegenseitig - der Herr war genauso verantwortlich für den dienenden wie der Dienende für seinen Herren. Gerade dieser Punkt trug später nach dem zweiten Weltkrieg wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg Japans bei - ein Faktor, den man in Europa nur zu gerne unter den Tisch fallen lässt.... in Japan identifiziert sich der dienende und sein Erfolg mit dem Herren und umgekehrt, was auch gegenseitigen Respekt zur Folge hat. Auch dieser Punkt wird in Europa sträflicher weise regelmäßig außer Acht gelassen. Das Prinzip des Dienens gegenüber dem "höherrangigen" endete grundsätzlich erst mit dem Tode. Aus dieser Sicht war es letztlich egal ob dann der Tod einen früher oder erst später ereilte und der Zeitpunkt des Todes wurde damit letztlich "nebensächlich". Entscheidend wurde damit nicht wie lange man lebt, sondern wie man lebt. Ehre und andere Faktoren, die sich mit dem "wie" auseinander setzten bekamen damit einen wichtigeren Stellenwert im täglichen Leben.
Ein Mensch der seine Ehre verlor, verlor sein Gesicht ( was gleichgesetzt wird mit dem Ansehen ). Im japanischen wird diese "Pflicht" mit "Giri" bezeichnet" - wobei die europäische Betrachtungsweise im Sinne von "verpflichtet sein" bei weitem nicht den Sinn von "Giri" erfasst.
Aus den im nebenstehenden Absatz erläuterten "wie" ergibt sich das Streben nach Perfektion, Detail und Meisterschaft. Nirgendwo sonst, wie im ZEN-Garten wird das Prinzip in solch konsequenter Radikalität sichtbar. Die Reduktion auf Klarheit, Ruhe, Balance und Verzicht auf "Verspieltheit" - also die Gestaltung von "leerem" und Beschränkung auf "Wesentliches" sind leitende Prinzipien im ZEN.
Ein ganz erheblicher weitere Faktor im ZEN ist der Verzicht auf ein "verhaftet sein" mit Vergangenheit oder Zukunft. Mit etwas verhaftet zu sein beschränkt die Wahrnehmung ( ist also ein Verlust der Qualität der Wahrnehmung ) im "sein" also im "jetzt". Besonders kristallisierte sich dieses Wissen um Wahrnehmung im Bushido ( der Weg des Kriegers ), weil ein Samurai der denkt, langsamer ist, als ein Samurai, der nicht denkt, sondern ausschließlich reagiert. Dies geht soweit, dass die Wahrnehmung der Aktion des Gegners schon im leisesten Ansatz erkannt wird und die Reaktion "quasi" simultan schon erfolgt, bevor diese für den Außenstehenden "sichtbar" wird. Dies ist reines ( aus europäischer Sicht "instinktives" ) Handeln und diese Art des "Seins" ist Bestandteil dessen, was der Krieger mit "Mushin" bezeichnet. Dabei wird "Mushin" im üblichen Sinne mit "Leere" übersetzt - obwohl dies nur ein Teilaspekt von "Mushin" ist.



Im Verlauf der weiteren Seiten um Zen und der Wirkung vom Zen im "Sein" und "Handeln" werden weitere Aspekte aufgezeigt. Das Thema ist viel zu Komplex, um auf einer Seite abgehandelt zu werden. Ich habe mich deshalb auf dieser Seite darauf beschränkt, Asopekte aufzuzeigen, die einem Europäer den Zugang zu Denkweise im ZEN aufzuzeigen, damit ein Einstieg in diese Thematik erleichtert wird.

Die europäische ( humanistische ) Betrachtungsweise von Zen ist weitgehend inkonsequent und mit Vorurteilen behaftet. Viele Handlungen (z.B. die aus europäischer Sicht anscheinend "grundlosen" Tötungen ) wurden als "barbarisch" angesehen. Dabei waren derartige Handlungen häufig nur ein "konsequenter Abschluss" des Leitgedankens von Ehre
( gerade aus der Sicht des Getöteten ) in dem "ehrloses" Leben gleichstand mit "wertlosem" Leben und mit "Verschwendung" - das um seiner "Ehrlosigkeit" willen beendet wurde um den Getöteten ein Leben in Schande und "ohne Gesicht" zu ersparen. Europäischen Gemütern ist der Zugang zu derartig radikaler Konsequenz oft verwehrt und entbehrt daher der Fähigkeit die Reinheit dieses Handelns nachvollziehen zu können. In Europa wird Leben höher bewertet als Ehre - in Japan ist ein Leben ohne Ehre wertlos und daher "verzichtbar" - Ehre ist wertvoller als das Leben, da das Leben ohnehin endlich ist und seine Dauer eher nebensächlich ist. Europäer haben eine ziemlich verklemmte ( weil negierende ) Einstellung zum Tode, man will nichts damit zu tun haben und die Mehrheit schaut weg, wenn der Tod gewärtig ist. Hier sollten "christliche" Menschen zuerst einmal sich mit der Jahrhunderte währenden "Tabuisierung" des Todes auseinandersetzen, bevor sie versuchen die asiatische ( meist buddhistische ) Einstellung zu begreifen.
© Harro Walsh